Veranstaltung im Kloster Disentis am 2. Dezember 2025
Quotidiana, 4. Dezember 2025 Zur Akzeptanz von assistiertem Suizid zwingen?
Quotidiana, 4. Dezember 2025
Von Hans Huonder
Zur Akzeptanz von assistiertem Suizid zwingen?
Eine Teilrevision des Gesundheitsgesetzes soll die durch öffentliche Mittel finanzierten Institutionen wie zum Beispiel alle Pflegeheime oder Hospize zur Akzeptanz von assistiertem Suizid zwingen. Diese Forderung hat am Dienstagabend in Disentis für eine lebhafte Diskussion im Rahmen einer Veranstaltung zu diesem Thema gesorgt. Die Meinungen gehen weit auseinander.
HANS HUONDER
Für den Betroffenen, für die Verwandten und Freunde ist der Tod ein sehr emotionaler Prozess. Dies umso mehr, wenn der Sterbende sich Gedanken über einen assistierten Suizid macht. Es ist der letzte Schritt, welchen eine Person aufgrund von Schmerzen, Ängsten oder Perspektivlosigkeit macht. Dieser Schritt involviert auch die Verwandtschaft, Freundinnen oder Freunde, aber auch das Pflegepersonal der betroffenen Person. Diese haben schlussendlich mit diesem Entschluss zu leben, welcher natürlich einzig in der Kompetenz der Person liegt, die dies so gewünscht hat. In der Schweiz hat es im Jahr 2023 1729 assistierte Suizide von in der Schweiz wohnhaften Personen gegeben. 2017 waren es noch 1009.
Ein Zwang?
Am Dienstagabend hat der Arbeitskreis «Kein Zwang zur Zulassung von assistiertem Suizid in Institutionen im Kanton Graubünden» eine öffentliche Veranstaltung im Saal Peter Kaiser im Kloster Disentis organisiert. Zwei Referenten und drei weitere Personen haben an einer Podiumsdiskussion teilgenommen. Der Grund: Im Februar 2021 hat der Grosse Rat den Auftrag akzeptiert, einen Artikel im Gesundheitsgesetz zu formulieren, sodass alle durch öffentliche Mittel finanzierten Institutionen assistierte Suizide in ihren Räumlichkeiten akzeptieren müssten. So soll die Wahlfreiheit genommen werden, die betroffenen Institutionen könnten nicht mehr selbst darüber entscheiden.
In den Jahren 2026 oder 2027 wird der Grosse Rat sich mit einem solchen Artikel im Rahmen der Teilrevision des Gesundheitsgesetzes beschäftigen. «Ein solcher Zwang ist mit sehr schwerwiegenden moralischen Vorbehalten verbunden. Dieser Artikel schränkt die Wahlfreiheit der Institutionen und der betroffenen Personen ein, welche nicht mit assistiertem Suizid konfrontiert werden wollen» sagt Reto Parpan, Leiter des Instituts für Logotherapie und Existenzanalyse und ehemaliger leitender Psychologe der Klink Beverin. Er betont, dass ein solcher Zwang in Widerspruch zu den schweizerischen demokratischen Prinzipien steht und die Glaubens- und Gewissensfreiheit beschränkt.
Eine Frage der Pflegekultur der Institution
Dass eine Person sich mit dem assistierten Suizid beschäftigt, kann die zahlreichsten Motive haben. Wie Raimund Klesse, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sagt, leidet die Hälfte der betroffenen Personen an einer nicht heilbaren Krankheit oder Schmerzen. Die andere Hälfte ist vor allem betroffen von psychischen Problemen oder Demenz1. «Die Pflegekultur der Heime und der Pflegenden spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Diese Kultur auch ist ein beschützender Faktor», sagt Raimund Klesse und erklärt: «Gründe, warum eine Person diesen Weg beschreiten möchte, können eine Unsicherheit, das Gefühl für andere eine Belastung zu sein, oder auch die Angst vor dem Leiden und dem Tod ein. Der Gedanke an Suizid ist ein Ausdruck einer Krise.» In solchen Momenten sei es wichtig, der betroffenen Person zu zeigen, dass sie wichtig sei und geschätzt werde. «In diesem Zusammenhang spielen auch die Verwandtschaft, Freunde und Freundinnen eine wichtige Rolle.», betont Raimund Klesse.
Aus der Perspektive des betroffenen Arztes
Von einem komplexen Prozess spricht Cristian Camartin, spezialisierter Arzt für Palliativmedizin am Kantonsspital in Chur. Jeder Fall sei individuell, sei es die Krankheit oder auch das Alter der betroffenen Person. In Graubünden habe die Palliativpflege einen fortgeschrittenen Stand. Palliative Care kann sowohl zu Hause, in einem Pflegeheim, in einem Hospiz oder im Spital stattfinden. 76% der Betroffenen wünschen dies daheim, aber schlussendlich geht dieser Wunsch nur für rund 20% in Erfüllung. «Palliative Care ist eine sehr komplexe Pflege, welche grundsätzlich das Management der Symptome beinhaltet, die Suche nach den Entscheidungen, das soziale Netzwerk und die Unterstützung der Familie», sagt Christian Camartin gebürtig aus Disentis. Gerade die betroffenen Familien würden allenfalls in Vergessenheit geraten «Wenn eine Person sich in der Palliative Care befinde, sei dies auch für die Verwandtschaft ein emotionaler Druck», stellt Cristian Camartin fest. Im Kantonsspital Graubünden sei assistierter Suizid nicht erlaubt. Personen, welche dies wünschen, müssten dafür einen anderen Ort suchen.
Die Meinungen sind geteilt
In der Podium- und nachfolgender allgemeinen Diskussion nach den Referaten von Raimund Klesse und Cristian Camartin hat sich gezeigt, dass das Thema assistierter Suizid sehr kontrovers ist. Dies ist vor allem der Fall betreffend eines evtl. Zwangs für die Institutionen dies zu akzeptieren. Während verschiedene Personen einen solchen Zwang befürworteten, haben andere dagegen argumentiert. Einer der Gründe: Auch die Mitbewohner eines Heimes wohnen dort, wo eine Person assistierten Suizid macht und auch die Angestellten müssen mit einem solchen Wunsch umgehen können. Es könnte gut sein, dass die eine oder andere Fachperson dies nicht akzeptieren könnte und die Arbeitsstelle wechsle. Wie Gian-Reto Nufer, Geschäftsführer Puntreis Center da Sanadad in Disentis sagt, hat das Haus seit 2017 ein Konzept für den assistieren Suizid. Bis heute habe niemand diesen Schritt gewünscht. Gian-Reto Nufer fragt sich: «Zu uns kommen Menschen welche ein zu Hause für die letzten Monate oder Jahre suchen. Ist es menschlich zu verlangen, dass diese Menschen das Heim für einen assistierten Suizid verlassen müssen?»
1 Der Referent hat andere Zahlen genannt. (Zahlen aus Exit Jahresbericht von 2024: assistierter Suizid bei Krebserkrankungen (37%), bei psychisch Kranken (2%), bei Demenzkranken (4%), bei Polymorbidität (16%), bei Schmerzpatienten (16%). Sterbeort CH: 19% in Heimen)
Ein grosse Herausforderung
Ruth Camenisch die Leiterin Casa sogn Giusep in Cumpadials berichtet von einer ganz anderen Situation in Ihrem Heim. «Wir haben kein Konzept für assistierten Suizid in unserem Heim. Ein Zwang wäre eine grosse Herausforderung und verlangte nach vielen Diskussionen, umso mehr da wir in einer christlichen Kultur leben mit einer Kapelle im Haus.» Johanna Stadler, die Fachleiterin der Palliativstation im Kantonsspital Graubünden sagt: «Jeder Mensch hat Würde, auch am Ende seines Lebens. Diese Würde wollen wir respektieren und bewahren. Personen, die in der Palliative Care arbeiten, müssen grosse Menschenliebe haben, trotzdem einen gewissen Abstand wahren». Die Veranstaltung in der Sala Peter Kaiser in Disentis hat Reto Parpan beendet: «Am Ende des Lebens ist es nicht wichtig, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.»
«Ein solcher Zwang ist mit schwerwiegenden moralischen Vorbehalten verbunden. Dieser Artikel schränkt die Wahlfreiheit der Institutionen und der betroffenen Personen ein, welche nicht mit assistiertem Suizid konfrontiert werden wollen.»
Reto Parpan, Leiter des Instituts für Logotherapie und Existenzanalyse und ehemaliger leitender Psychologe der Klink Beverin
Sfurzar d’acceptar suicidi assistiu
Vergangene Veranstaltung Schiers
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Vortrag von Dr. med. Raimund Klesse. 11. September, 19.30 Uhr in der Schule St. Catharina, St. Martin 3, Cazis







